Wieder zurück auf Sardinien

Oder: noch immer auf der Suche nach Ruhe…

Wir waren froh und erleichtert als wir uns der Ostküste von Sardinien näherten, zumal sich die letzten Seemeilen sehr lang anfühlten, denn wir mussten ein paar Stunden durch ein Flautengebiet motoren. Es herrschte Seenebel, Himmel und Meer schienen miteinander zu verschmelzen…eine mystische Stimmung.

Unser erstes Ziel war die Bucht Cala Sa Figu am Capo Ferrato an der Südostseite. Hier hofften wir ausreichend Schutz vor dem angekündigten Südwestwind zu finden, der für die nächsten Tage vorausgesagt war. Als wir geankert hatten und alle Segel verstaut waren, waren wir erleichtert auch diese längere Etappe von den liparischen Inseln hierher geschafft zu haben. Wir freuten uns auf ruhigere, besser vor Schwell geschützte Ankerbuchten.

Soviel schon mal vorweg… dieser Wunsch ging leider nicht in Erfüllung… bis jetzt nicht und eine Woche ist inzwischen vergangen 😦

Ausser die erste Nacht, die war wirklich ruhig und Adesso lag ohne zu Schaukeln im Wasser. Unsere Nachbarboote ankerten ausreichend weit entfernt, keine Musik, kein Geschrei… perfekt. Der kommende Morgen war auch noch richtig angenehm und entspannt. Ich machte eine ausgedehnte Wanderung auf den Berggipgel des Capo Ferrato und genoss wieder diese Ruhe und den Ausblick.

Nach dem Frühstück drehte der Wind dann aber immer mehr auf Ost, so dass die Windwellen ihren Weg in die Bucht fanden… das Geschaukel begann dann so richtig, als der Wind am späten Nachmittag nachlies. Es gab aber keinen Plan B, denn auf die andere Seite des Kaps wechseln, war auch keine Option, denn da hätten wir keinen Schutz mehr vor dem Südwind und seinen Wellen gehabt. Eine unruhige Nacht mit viel Geplätscher war die Folge. Trotzdem schnappte ich mir am nächsten Morgen wieder meinen SUP, denn ich wollte die schönen Morgenstunden geniessen. So entschloss ich mich diesmal für einen Spaziergang in die andere Richtung bis zur Spiaggia di Feraxi. 

Die kleine Bucht Caletta Feraxi, die auf meinem Weg lag, zog mich richtig an und so gonnte ich mir ein spontanes Erfrischungsbad in dieser einsamen naturbelassenen Bucht. 

Es sind diese Momente und vor allem die frühen Morgenstunden, die ich am meisten geniesse an unserem Bootsleben. Wenn noch alles ruhig ist, wenn man sich noch so richtig ungestört an der Natur erfreuen kann. 

Zurück auf Adesso schnappte ich mir meine Schnorchelausrüstung. Inzwischen ist das Wasser so angenehm warm, dass man durchaus ausgedehnte Schnorchelerkundungen machen kann. Nach dem Frühstück war die angenehme Stille dann aber wieder relativ schnell vorbei, denn der Strand füllte sich schnell mit Menschen und die ersten Tagesausflugsboote brausten auch schon heran. Das ist dann der grosse Nachteil, wenn man dort lebt, wo andere Urlaub machen… dann ist Ruhe ein sehr seltenes Gut. Im Laufe des Tages drehte der Wind wieder auf Ost, so dass es langsam aber sicher wieder schaukelig wurde. Am Abend beruhigte sich das Ganze wieder und ich hatte schon Hoffnung auf eine ruhige Nacht, aber kurz vor dem Abendessen kamen dann zwei Charterkatamarane um die Ecke, wo sich beide Crews auch noch kannten. Das wars dann mit der Ruhe. Wie kleine Kinder schrien sie herum, sprangen ins Wasser und scherten sich nicht im Geringsten darum, dass sie vielleicht andere Bootscrews stören könnten. Denn ausser uns, standen inzwischen noch ein paar weitere Eignerboote in der Bucht, die aber alle ruhig waren und wahrscheinlich auch die Ruhe geniessen wollten. Ich war innerlich auf 100 000! Ich verfluchte dieses „Mir doch egal, ob ich jemanden störe“-Benehmen. Bis nach Mitternacht sassen sie draussen und diskutierten und lachten lautstark miteinander, da war an Schlafen nicht zu denken 😦

Inzwischen habe ich eine „Baliphobie“ entwickelt, denn gefühlt jeder Charterkatamaran ist mittlerweile eine Bali. Die haben den Chartermarkt auf jeden Fall überschwemmt und Lagoon als langjähriger Vorreiter in der Branche verdrängt. Darum zucken wir jedes Mal zusammen, wenn wir sehen, dass eine Bali Kurs auf die Ankerbucht nimmt…und leider bestätigt sich die Sorge zu 99%.

Nachdem wir nun drei Tage hier den Südwind abgewettert hatten und sich für die nächsten Tage starker Nordwind ankündigt, beschlossen wir weiter nördlich bis in den Süden von Arbatax zu segeln. Hier erhofften wir uns bessern Schutz vor Wind und Wellen als unten am Kap. Das zumindest prophezeiten auch die Wetterprognosen. Kurz bevor wir die Bucht Porto Frailis erreichten, bildete sich eine grössere Gewitterfront und wir mussten gegen 25 Knoten und hohe Wellen ankämpfen… nicht schön 😦

Endlich in der Bucht angekommen, mussten wir enttäuscht feststellen, dass mehr als die Hälfte der Bucht mit roten Bojen abgesperrt war. Ankern war nur ausserhalb dieses Bereichs möglich. Dies ist definitiv typisch für Sardinien. Nirgends sonst haben wir bis jetzt im Mittelmeer solche Einschränkungen, oder anders ausgedrückt, Schikanen erlebt, denn es ist einfach übertrieben. Wir hatten aber Glück, dass kurz vorher ein Boot den Ankerplatz verlassen hatte und wir so noch einen guten Platz in der Nähe der Absperrung bekamen. Aber es nervt wirklich, denn auch mit dem Beiboot kann man nicht zum Strand. Auch das ist verboten. Erlaubt ist nur, wenn man paddelt und einen Platz fürs Beiboot gibt es am Strand ohnehin nicht, denn der liegt voll mit Sonnenanbetern. Also bleibt nur das Anlanden mit dem Kayak oder dem SUP, was aber nur bei guten, moderaten Wetterbedingungen möglich ist. Heute bläst der Wind fast pausenlos mit 15-20 Knoten, da paddelt man dann auch nicht den weiten Weg bis zum Strand. Man bekommt echt das Gefühl, dass man als ‚Bootsmensch’ hier in Sardinien nicht willkommen ist und nur Steine in den Weg gelegt bekommt. Ausser eben an so verlassenen Orten wie dem Capo Ferrato, wo es dann aber auch null Infrastruktur gibt. Es ist natürlich frustrierend vor einem Ort wie Arbatax zu ankern und dann auf dem Boot bleiben zu müssen, weil es einem so schwer gemacht wird an Land zu gelangen… Bescheuert 😦 

Am ersten Morgen, als der Mistral noch nicht hier angekommen war, hatte ich noch schnell die Gelegenheit für eine Erkundungstour an Land genutzt. Ich spazierte bis zum Torre di San Gemiliano und wurde mit einer tollen Aussicht auf unsere Bucht und die Nachbarbucht belohnt. Dann wanderte ich am Strand entlang auf die andere Seite zum Camping und ergatterte hier zwei leckere Croissants. Von hier aus hatte ich auch eine tolle Aussicht auf unsere Bucht. Noch war das Wasser spiegelglatt, richtig schön. 

Meine Überraschung mit den Croissants war gelungen, damit hatte Guy nicht gerechnet. Kurze Zeit später war dann aber leider wieder Schluss mit der Ruhe. Der Wind frischte immer mehr auf und dicke Kumuluswolken formten sich über den Bergen. Es wurde ungemütlich! Den ganzen Tag über wurden wir in den Böen hin-und hergeschleudert und bei dem Wind, fanden natürlich auch die Wellen den Weg in die Bucht. Als der Wind am Abend wieder etwas nachliess, ging das Geschaukel aber die ganze Nacht weiter. Unruhiger Schlaf war wieder die Folge. Am kommenden Tag zogen immer wieder Gewitterfronten durch, also blieben wir wieder an Bord. Am Nachmitag, als der Wind etwas „schwächelte“, fuhr ich schnell mit dem SUP an Land, denn ich wollte im Supermarkt ein bischen frisches Obst und Gemüse kaufen. Mehr war ja nicht möglich, da ich ja mit dem SUP unterwegs war. Auf halber Strecke zum Supermarkt, wurde ich dann kalt erwischt, denn es regnete innerhalb von Sekunden wie in Strömen. Als ich plitschnass im Geschäft ankam, reichte mir die Kassiererin erstmal trockenes Küchenpapier, damit ich mich ein bischen abtrocknen konnte. Mit einem Rucksack voll frischer Lebensmittel, machte ich mich wieder auf den Rückweg. Den Rest des Tages und am Abend blieben wir dann aber wieder auf dem Boot, denn das Wetter war einfach zu unvorhersehbar. Ich hätte richtig Lust auf einen Besuch in einer Pizzeria gehabt und es nervte mich, dass die Bedingungen es wieder mal nicht zuliessen. Dies ist ein weiterer negativer Punkt unseres Bootslebens. Man kann eben nicht einfach das tun, worauf man Lust hat, sondern man ist immer vom Wetter abhängig. Das Wetter bestimmt das Geschehen. Wenn man, so wie wir, ganz auf dem Boot lebt, ist man leider gar nicht so frei, wie viele denken.

Die Nacht wurde dann richtig anstrengend, denn ab 3Uhr zog eine Gewitterfront nach der anderen durch. Das Meer wurde immer aufgewühlter und an Schlaf war nicht zu denken…schon wieder nicht 😦 Ich war froh, als sich abzeichnete, dass das Zentrum des Gewitters weiter draussen auf dem Meer an uns vorbeizog, aber die Ausläufer bekamen wir voll mit. Während ein paar Stunden blies der Wind mit Böen über 25 Knoten in die Bucht…und Adesso hüpfte in den Wellen auf und ab… Nach dem Frühstück versuchten wir beide ein bischen Schlaf nachzuholen, aber unter diesen Bedingungen…unmöglich. Wir sind geschlaucht, genervt, müde und frustriert. Den ganzen Tag Mistral abwettern macht keinen Spass. Leider beruhigte sich der Wind nicht wirklich während des Tages, so dass mein ersehnter Pizzeriabesuch wieder „ad acta“ gelegt werden musste und wir wieder auf Adesso bleiben mussten. Am späten Abend beruhigte sich der Wind dann endlich ein bischen und ich hatte Hoffnung, dass in dieser Nacht endlich erholsamer Schlaf möglich sei. Aber nein! Kurz bevor wir in die Koje gehen wollten, schallte laute Livemusik über die ganze Bucht. Irgendwo am Strand brüllte ein DJ durchs Mikrofon und spielte Songs aus den 80-90er Jahren und gröhlte lautstark mit. Wir probierten alles: Ohrstöpsel, Kissen auf den Kopf, Ventilator an um die Musik zu übertönen…es war hoffnungslos. Unter diesen Bedingungen war, wieder einmal, an Schlaf nicht zu denken… Bis nach 3 Uhr hielt diese Lärmbelästigung an! Inzwischen schlägt uns der Schlafmangel echt auf die Moral, denn auch tagsüber kann man keinen Schlaf nachholen, weil in den Buchten, in denen andere Leute ihre Ferien geniessen, einfach nie Ruhe herrscht. Ich kann mir vorstellen, dass der eine oder andere von euch sich jetzt sagt: oh, die beklagen sich aber auf hohem Niveau, sie sind immer an den schönsten Orten und doch nicht zufrieden… oder…sie wussten ja auf was sie sich einlassen, wenn sie auf einem Boot leben… Bei Letzterem müssen wir zugeben, dass wir das unterschätzt hatten. Wir waren uns wohl bewusst, dass es immer wieder Nächte geben würde an denen man schlecht schläft, weil die Wetterbedingungen herausfordernd sind, aber dass man fast nie ruhig schlafen kann, weil immer irgendetwas einen daran hindert, das hatten wir so nicht erwartet. Darum sind wir in letzter Zeit auch viel am Hinterfragen und sehnen uns immer öfter wieder nach einem Leben an Land…

Heute morgen haben wir uns, trotz Schlafmangel, durchgerungen, mit unseren SUP an Land zu paddeln um eine kleine Erkundungstour durch Arbatax zu machen und uns endlich wieder die Beine zu vertreten, endlich wieder mal ein paar Stunden runter vom Boot.

Heute abend planen wir dann aber endlich in die Pizzeria zu gehen, denn heute hat sich der Mistral ein bischen beruhigt. Ich freue mich schon.

Morgen wollen wir weiter Richtung Norden zu segeln, denn dann soll der Wind endlich so langsam auf Ost drehen und die Wellen abflachen… hoffentlich.

Raymonde

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