365 Tage

Ja, 365 Tage liegen nun schon hinter mir seit ich dem aktiven Berufsleben freiwillig den Rücken gekehrt habe, um mich und ADESSOauf den neuen Abschnitt in unserem Leben vorzubereiten.  

365 Tage in denen Einiges passiert ist und ich mich doch recht zurückhaltend hier auf dem Blog verhalten habe. Das hat jedoch auch seine Gründe. Es ist nicht einfach für mich Emotionen nieder zu schreiben und die 365 letzten Tage waren doch sehr geprägt von Emotionen. Positive Emotionen, aber auch Negative, haben mich davon abgehalten den Blog zu füttern. Wie man so schön sagt: „Eine Achterbahn der Gefühle“. Jetzt kann ich das Passierte mit etwas mehr Abstand betrachten und sachlicher an das Ganze herangehen… Aber fangen wir mal gaaaanz vorne an 😀.

Am 15 Januar 2020 war mein letzter Arbeitstag. Ein ganz bewusst gewählter Tag, nämlich mein Geburtstag. Die ersten Tage der selbst gewählten Arbeitslosigkeit fielen mir nicht sonderlich schwer, es fühlte sich an wie bezahlter Urlaub (was es ja auch war…). 
Doch dann, man mag es kaum glauben, fiel es mir schwer mich von der gewohnten Routine des braven Bürger zu lösen, das Hamsterrad nicht nur zu verlassen, sondern mit Sprengstoff zu füllen und mit Glanz und Gloria in die Luft zu jagen. Es fühlte sich komisch an. Komisch morgens aufzustehen und erstmal 2 Stunden mit dem Hund spazieren zu gehen. Nicht um 5:00 aus dem Bett quälen, um um 6:00 fest zu stellen dass bereits 10 Anrufe im Büro eingegangen sind. 2 Jahrzehnte lang bestand mein Job zu 75% darin Probleme zu lösen. Und jetzt…? Jetzt ging ich spazieren. Meine Gedanken purzelten zwischen meinem alten Hamsterrad und ADESSO hin und her. 

Dann kam er, der grosse Tag, der Tag auf den wir 8 Jahre lang hingearbeitet haben: der 18 Februar 2020. Der Tag an dem wir die Übergabepapier von unserem Katamaran unterschrieben haben.

Der grosse Tag

Endlich gab es was Handfestes, etwas Physisch vorhandenes. Nicht nur Bilder, Dokumente oder YouTube. Endlich konnte ich mich voll und ganz meiner neuen Aufgabe widmen. Ich ging darin auf meine Pläne, die ich seit Monaten… ja sogar Jahren, im Hirn zusammengesponnen hatte,  zu prüfen ob sie auch in die Tat umsetzbar waren. Es war schön endlich wieder eine Aufgabe zu haben. Mit einem ortsansässigen Bootselektriker steckte ich die Köpfe zusammen um abzuklären ob meine Ideen umsetzbar sind und parallel dazu, plante ich mit der Edelstahl-Schmiede einen stabilen und dennoch ansehnlichen Rahmen für die Solarmodule. 

Doch dann kreuzte etwas unseren Weg, mit dem niemand gerechnet hatte. Ein kleines blödes Virus namens „SARS-CoV-2“. Die Welt um uns stand plötzlich still. Ein Fachbetrieb nach dem anderen schloss seine Türen und Frankreich machte die Grenzen dicht. Mir blieb nichts anderes übrig als das Land noch rechtzeitig zu verlassen und ADESSO erstmal zurück zu lassen. Es war kein schönes Gefühl… 

3 Monate lang haben wir alles versucht legal nach La Rochelle zu kommen, auch 2-3 nicht ganz so legale Pläne hatte ich ausgeknobelt. Doch dann, am 15. Juni,  endlich gab es die lang ersehnte Nachricht, dass Frankreich die Grenze wieder öffne. Um Mitternacht solle das Schengen-Abkommen wieder in Kraft treten. Um 2:00 morgens war ich bereits auf der Autobahn Richtung ADESSO.
Nun war das Gefühl nicht so prickelnd. Mit sehr vielen Zweifel spulte ich die 800km ab. Wie sieht unser Boot nach 3 Monaten aus, ist nichts kaputt, haben die Festmacher die Frühjahrstürme gut überstanden und ADESSO sicher auf seinem Platz gehalten. Wie solle es weitergehen mit den geplanten Arbeiten?

Zu meinem Erstaunen sahen die Betriebe, mit denen ich vor Ort zusammen arbeitete, das Ganze recht locker. Auch Sie waren froh wieder etwas Normalität zu erlangen. Also setzten wir dort wieder an wo wir vor 3 Monaten ausgebremst wurden. Nur mit dem Unterschied, dass ich jetzt Druck machte, um so schnell wie möglich mit allem fertig zu werden. Ich wollte Frankreich auf dem schnellsten Wege wieder verlassen, und dies mit ADESSO.  

Größtenteils war ich in dieser Phase auf mich alleine gestellt. Raymonde musste ja noch arbeiten. Doch so schnell es ihr möglich war, ist sie mit dem TGV nach La Rochelle gebraust gekommen um mich doch noch ein klein wenig zu entlasten. Der Plan war: Sobald die Arbeiten abgeschlossen sind, werde ich mich mit dem Boot alleine auf den Weg machen, und Raymonde solle dann mit meinem Auto zurück nach Luxemburg fahren. Ich muss zugeben, es war ein anspruchsvoller Plan; alleine mit einem neuem Katamaran die 740 Seemeilen nach Holland zu segeln. Aber in dieser Zeit, in der Niemand wusste wie es weitergehen soll war es für uns die einzigste Option.

So kam der Tag, an dem das Wetter passte und ich die Leinen im Hafen von La Rochelle löste. Raymonde stand etwas verloren auf dem Ponton und ich sah in ihren Augen, dass Sie das nicht will. Doch es gab zu diesem Zeitpunkt keinen Plan „B“. Ich drehte noch ein paar Runden in dem Hafenbecken um Fender und Leinen zu klarieren und dann ging es los. In Zwischenzeit war Raymonde zur Mole gelaufen und hat mir noch eine Weile hinterhergeschaut. Ein bischen wie in den Filmen, wenn der Seefahrer in See sticht und die Frau auf der Mole steht und sich fragt wann und ob Sie ihren Mann je wiedersieht…!

Doch gleich gab es schon den 1. Dämpfer. Beim Segel setzen bemerkte ich, dass es einen Widerstand gab, irgendetwas hackte. Vorsichtshalber wollte ich das Segel wieder runter lassen um zu prüfen was denn der Grund sei, doch nichts rührte sich mehr. Das Grosssegel war irgendwie blockiert… na das fängt ja gut an dachte ich. Aber alles half nichts, das Tuch musste irgendwie runter. Ich zerrte mit allem was ich hatte an dem Vorlieck, und endlich machte das Segel was ich wollte. Knapp eine halbe Stunde unterwegs und schon musste ich improvisieren. Damit dies nicht nochmal vorkommen konnte habe ich eine zusätzliche Leine am obersten Mastrutscher befestigt um gegebenenfalls mit dieser Leine das Segel runter zu bekommen. Das klappte dann auch recht zufriedenstellend. Doch somit war auch schon sicher, dass ich die gesamten Leinen gegen dünnere, aber zugleich stärkere Dyneema Leinen tauschen würde.

Ich musste Raymonde versprechen keine Nachtfahrten alleine zu machen. Das zwang mich dazu immer nur Strecken von maximal 80 Seemeilen pro Tag zu absolvieren. Heute würde ich mich darauf nicht mehr einlassen, denn im Nachhinein glaube ich, dass es einfacher gewesen wäre 2-3 Tage und Nächte durchzusegeln und Strecke gut zu machen, als immer einen Anker oder Hafenplatz zu suchen… Denn gute Ankerplätze an der französischen Atlantikküste sind rar gesät. Und auch Häfen, in denen genug Platz für unsere ADESSO ist, müssen erstmal gefunden werden und in Tagesetappen erreichbar. Wie gesagt, heute würde ich es nicht mehr so machen…

Die Reise beginnt:

20.06.2020, von La Rochelle zur Ile d’Yeu.

Meine 1. Etappe war 63 Seemeilen lang. Gute Bedingungen mit nur 12 Knoten Wind. Perfekt um mich auf das neue Boot einzustellen und verschiedene Sachen auszuprobieren. Am späten Nachmittag fiel der Anker dann in einer geschützten Bucht. Die 1. Nacht vor Anker war demnach auch ganz angenehm.

Angenehmer Anfang…

An nächsten Tag, dem 21.06 machte ich mich dann schon bei Sonnenaufgang auf den Weg. Um halb 7 zog ich den Anker wieder hoch um mit 20 Knoten Wind Richtung Ile de Groix zu Segeln. Die 74 Seemeilen bis dahin hatte ich dann auch gegen 20:30 hinter mir. Der schon vorher auserwählte Ankerplatz erwies sich aber schon bei der Anfahrt als ungeeignet, aber als guter Bootsführer hatte ich mir schon eine Alternative ausgesucht. Nur um die Ecke war die See ruhig und Sandboden gab es auch. Die Nacht versprach wieder ruhig zu werden, uns so bereitete ich mir recht entspannt mein Essen zu.

Am 3. Tag ging es dann weiter Richtung Norden. Die Anse du Loch war mein Tagesziel. Auch diesmal nahm ich bei Sonnenaufgang um 6:30 den Anker hoch. Aber es wurde ein beschwerlicher Weg. Gegen Wellen und Wind quälte ich mich die 62 Seemeilen hoch. Dabei dachte ich noch, dass  ich in der auserwählten Bucht gut geschütz sei, aber irgendwie wurde der Wind am Kap dann doch stärker umgelenkt als erwartet und es stand ein heftiger Schwell in der Anse du Loch. Ausweichen konnte ich nicht mehr, da ich zu viel Zeit gegen die Wellen verloren hatte um sicher auf einen anderen Ankerplatz kommen. Es wurde langsam aber sicher dunkel, und die Gegend ist gespickt mit Fischernetzen. Dies war keine ruhige Nacht, An Schlaf war nicht einmal zu denken. ADESSO schüttelte so heftig dass ich nicht in der Kabine liegen konnte, sondern mich im Salon hinlegte. Aber trotzdem, mit schlafen war nix. Dies war die erste richtige Probe für unser Ankergeschirr. Wir haben es schon extra überdimensioniert, dennoch gilt in dieser Situation alle Sinne beisammen zu halten. Ich lag also die ganze Nacht auf der Salonbank mit Blick auf den Kartenplotter, auf dem ich die Position von ADESSO im Auge hatte. Keine schönen Stunden. 

Es war also klar, auch der nächste Tag würde bei Sonnenaufgang starten. Uns sobald ich genügend Licht hatte um die Bojen der Netze zu erkennen ratterte die Ankerkette schon wieder (der Anker hat übrigens bombenfest gehalten). Am 23.06 stand das erste Cap auf dem Programm und ich kam in den Genuss der ersten „Races“. Das sind Gebiete in denen die Strömung der Gezeiten zusätzlich kanalisiert und beschleunigt wird. Gut wenn man mit der Strömung unterwegs ist. Was bei der Pointe du Ran auch klappte, aber an nächsten Kap sah es nicht mehr so gut aus. Gut war, dass das Geschaukelt bei der „Pointe Saint-Mathieu“ nur für kurze Zeit anhielt. Aber hallo, da ging es ab! Die Etappe betrug an dem Tag nur 51 Seemeilen. Da mein Ziel für den Abend der Ankerplatz vor Aber Wrac’h war. Vor Ort liess ich den Anker in den Schlamm sausen, musste aber feststellen dass ich den Austernbänken doch zu nahe kommen könnte beim Wechsel der Gezeiten. Deshalb habe ich beim Hafenmeister nachgefragt, ob ich eventuell an der Aussenseite vom Hafen festmachen könnte. Und 30 Minuten später hatte ich den 1. Anlieger alleine mit ADESSO hinter mir. Der Entschluss war auch goldrichtig, denn auf dem Atlantik wurde es ungemütlich. Kurzerhand entschloss ich mich 2 Tage zu bleiben um mal durch zu schnaufen. 

Endlich mal durchschnaufen -> Aber Wrac’h

Am 25.06 hatte sich das Wetter wieder beruhigt, und ich machte einen kurzen Sprint von 35 Seemeilen nach Roscoff. Beruhigt ist etwas milde definiert, sagen wir mal, es war nicht mehr so heftig… In Roscoff musste ich zum Tanken, und auch hier gab es keinen freien Platz für mich und ADESSO. Nach ein bisschen hin und her mit der Capitainerie konnte ich dann an der Tankstelle über Nacht bleiben. Kein besonders reizvoller Platz, aber wenigstens sicher. Somit hatte ich die 3. ruhige Nacht in Folge. 

In Roscoff an der Tankstelle.

26.06…, weiter nach Plurgrescant. Es schüttete wie aus Eimern, es war kalt und feucht. Die Sicht lag unter 100 Meter. Gut dass es nur 38 Seemeilen bis nach Plurgrescant waren. Dort habe ich mich in die Flussmündung rein geschlängelt und den Anker in ruhigem, aber tiefem Wasser versenkt. Auch diese Nacht war sehr angenehm aber ich war unruhig. Ich wusste, dass sich das Wetter noch weiter verschlechtern würde, und ich wusste dass England die Insel Guernsey wegen Covid für alle Yachten dicht gemacht hat. Nich mal ankern war erlaubt. Ich war hin und her gerissen. Auf der einen Seite solle sich das Wetter drastisch verschlechtern, und ich wäre ein paar Tage in der Flussmündung gefangen. Damit wollte ich mich nicht anfreunden. Auf der anderen Seite konnte ich Guernsey nicht anlaufen, was mich zu einer Etappe von über 100 Seemeilen zwingen würde.  Ich wägte ab, telefonierte mit Raymonde und entschloss mich um 9.00 dazu mich auf den Weg nach Cherbourg zu machen. Es regnete immer wieder Bindfäden, und die Sicht verringerte sich in den Schauern drastisch. Mein Plan war es erstmal nach Norden zu kommen, und dann die Inseln im grossen Bogen zu umfahren. Ich kann es leider nicht so schildern wie es wirklich war, aber es war die für mich grösste Herausforderung, die ich auf einem Boot hatte. Der Wind nahm immer mehr an Stärke zu und die Wellen wurden höher und höher. Ich schätze mal 5 Meter hatten die bestimmt. Was am Anfang lustig war, nämlich die Wellen hinab zu surfen, wurde bald zur Qual. Im Wellental wurde ADESSO immer heftig ausgebremst, und das Vordeck war mehr als einmal unter einer Wasserfontaine verschwunden. Erschwehrend ist dazu gekommen, dass die Wind und Wellenrichtung nicht mit der Vorhersage übereinstimmte. So stampfte ich nach kurzer Zeit gegen die Elemente. Eine andere Yacht, welche mit mit ungefähr zeitgleich gestartet war, hatte schon umgedreht und fuhr zurück in den Fluss (konnte ich auf dem AIS verfolgen). Es krachte, schüttelte und stampfte in allen Ecken. Irgendwann drehte der Wind so ungünstig, dass ich nicht mehr segeln konnte und die Motoren anschmeissen musste. Normalerweise fährt man bei einem Katamaran mit nur einem Motor, aber es fehlte an Leistung und nur mithilfe beider Maschinen sollte ich langsam weiter kommen. Als ich das Vorsegel einrollen wollte verfing sich zu allem Überfluss auch noch eine Leine in der Rolle. Am Boot gesichert kroch ich also nach vorne. Schlagende Segel, klemmende Leine, Regen, kalt, ADESSO schlug immer wieder so heftig in die Wellen, dass der gesamte Bug mit Wasser geflutet war… und ich sass vorne auf den Knien im Netz, pitschnass, um mit klammen Fingern zu versuchen, das Seil wieder gängig zu machen… kein Spass kann ich euch sagen. Es gelang mir dann aber irgendwann, und ich konnte das Segel wieder ganz einrollen. Doch es war keine Zeit zum verschnaufen. Die See wurde immer heftiger, und die Dämmerung brach schon ein. Schnell bereitete ich alles für die Nacht vor. Eine Nacht die ich so schnell nicht vergessen werde. Es ist gespenstisch, in stockdunkler Finsternis nicht zu wissen, wann die nächste Welle einschlagen wird. Du bist dauernd voll angespannt, musst dich dauernd festhalten. Ich hoffte, dass ich hinter Barfleur etwas mehr Schutz hätte. Doch weit gefehlt…, ununterbrochen ging es so weiter bis ich um 2:00 nachts in Cherbourg einlief. Ich machte mich einfach irgendwo fest. Es war mir komplett egal, nur fest. Ich war bis auf die Haut durchnässt, und so voll mit Adrenalin, dass ich erst Stunden später zur Ruhe gekommen bin. Es ist nicht möglich es so wieder zu geben wie es wirklich war. Aber glaubt mir, ich muss es nicht nochmal haben.

In Cherbourg wollte ich dann auch die erste Inspektion der Motoren machen lassen, diese war nach 50 Stunden fällig. Raymonde suchte mir verschiedene Firmen heraus. Eine davon hatte auch Zeit für mich, und nachdem der Besitzer mir versicherte, dass er zugelassener Volvo-Penta Händler wäre, erteilte ich ihm den Auftrag für den folgenden Tag. Das klappte auch und 2 Mechaniker standen zur abgemachten Zeit neben dem Boot. Sichtkontrolle, Öl und Filterwechsel… Doch dann die Hiobsbotschaft. Im Steuerbord Saildrive (das ist eine Art Getriebe) war Wasser im Öl !

Ich konnte mich nur noch hinsetzten und den Kopf schütteln. Ich wusste nämlich was das für Konsequenzen hat. Als erstes musste geklärt werden, warum das Wasser eindringen konnte. Zu 99% sind es die Simmerringe an der Achse an welcher die Schraube befestigt ist. Das ist soweit klar gewesen. Nur die Ursache musste geklärt werden. Bin ich durch ein Fischernetz gebraust, oder hat sich eine Leine in der Schraube verfangen, so wäre es meine Schuld und es gäbe keine Garantieansprüche. Also wurde erstmal mit einer Unterwasserkamera geprüft ob derartige Reste um die Achse gewickelt sind. Mit Erleichterung stellten wir fest, dass nix dergleichen zu erkennen war. Nun, so weiterfahren konnte ich nicht, und die einzige Möglichkeit diesen Schaden zu reparieren, war, dass das Boot aus dem Wasser muss. Der Mechaniker winkte schon ab, 3-4 Wochen würde es dauern um einen Termin beim Kran zu bekommen. 

Daraufhin verfiel ich erstmal in ein Loch. Ich konnte es nicht fassen. Dann, als ich unseren Händler darum bat den Schaden an Volvo-Penta zu melden, um die Garantie in Anspruch zu nehmen, stellt sich auch noch heraus, dass der angebliche Volvovertreter mich belogen hatte und gar nicht die Berechtigung hatte, die 1. Inspektion durchzuführen. Gott sei dank hatte ich alles schriftlich und konnte beweisen, dass ich betrogen wurde, und sich Volvo dann kulant gezeigt hat. Mit dieser Firma wollte ich also nichts mehr zu tun haben. Aber das löste nicht mein Problem. Bei Fountaine Pajot gilt die Regel, dass alles was unter Gewährleistung läuft, von denen vorab genehmigt werden muss. Aber ich wusste auch, dass das Tage, wenn nicht Wochen dauern kann. Also versuchte ich es auf eigene Faust und fand jemanden der mir binnen einem Tag einen Platz am Kran verschaffen konnte. Dieser kannte zufällig auch den Inhaber einer neu gegründeten Firma, welche die Volvo-Penta Vertretung seit sage und schreibe einer Woche unterzeichnet hatte. Es war dann auch sein ersten Garantiefall, und er wollte sich der Sache annehmen. Doch dann schon wieder ein Rückschlag. Die Motoren waren nicht richtig bei Volvo registriert worden. Wieder zogen Tage ins Land bis das geklärt war… In der Zwischenzeit stand ADESSO auf dem Trockenem… Bei der Demontage stellt sich heraus, dass eine Dichtung schräg eingesetzt wurde und die Achse so sehr in Mitleidenschaft gezogen hatte, dass diese gewechselt werden musste. Und welches Teil glaubt ihr war nicht auf Lager… die Achse! Expressversand und wieder 2 Tage Stillstand.

Aufregender Moment
Da gehört ADESSO nicht hin…!
Der Übeltäter

Am 03.07 konnte ADESSO endlich wieder ins Wasser. Ich war echt erleichtert und genoss den Abend im Hafen von Cherbourg in einem guten Restaurant. 

Der 04.07 war dann auch der Tag an dem ich wieder bei Sonnenaufgang 6:00 den Hafen von Cherbourg verliess. Mein Ziel: Fecamp. Aber wenn ich gewusst hätte, in welches Drecksloch ich mich da begeben würde, wäre ich nie dorthin gefahren. Der Weg war eigentlich in Ordnung, der Hafen machte aber einen runtergekommen Eindruck, aber nun gut. Es sollte ja nur für eine Nacht sein. Aber dann… wieder drehte der Wind unangekündigt, in den Hafen rollte eine Welle nach der anderen, es wurde zusehens ungemütlicher, die Boote zerrten an den Pontons. ADESSO war mit Abstand das grösste Boot im Vorhafen, und es war unschwer zu erkennen, dass die Anlage nicht für solche Kaliber ausgelegt war. Alles was ich an Fender und Festmacher an Bord hatte ist zum Einsatz gekommen. Das Boot stapfte wild hin und her, und ich hatte zeitweise echt Angst, dass etwas zu Bruch kommen könnte. Schlafen…, wieder Fehlanzeige. Doch ich war gefangen, das Wetter war dermassen schlecht, dass ich nicht weiterfahren konnte. Zwei Nächte ohne Schlaf, die Steganlagen krachten dermassen gegeneinander, dass ich mir die Frage stellte, ob die das überhaupt aushalten könnten. Es kam soweit, dass ADESSO einen Poller aus seiner Verankerung auf dem Ponton herausgerissen hatte. Da stand mein Entschluss fest. Keine weitere Nacht in diesem Drecksloch. Ich machte mich auf um mir die Situation an der Hafeneinfahrt anzuschauen. Die Welle stand leider weiterhin in der Einfahrt. Ich musst abwägen ob ich das Risiko eingehe. Bei diese Welle würde der geringste Fehler im Verlust vom Boot enden. Aber meine Nerven lagen Blank… ich wollte weg hier.

Am 06.07, Leinen los im dem miesesten Hafen, den ich bis dato kennengelernt hatte. Übrigens habe ich auch nich gezahlt. Ich weigerte mich schlichtweg für sowas auch noch zu bezahlen! 🤬🤬🤬.
Nach Boulogne sur Mer wollte ich. Der Wellengang war nicht ohne, genau 90 Grad von der Seite. Und hoch waren die Wellen. Ab und an musste ich mich richtig festhalten und schrie die Wellenberge an. Hochseetauglich ist ADESSO, das kann ich bestätigen… Manchmal war der seitliche Winkel so hoch, dass ich froh war, nur einen kleinen fetzen Segel gesetzt zu haben, denn sonst wäre die Gefahr zu kentern real gewesen.

Die Hafeneinfahrt von Boulogne war auch wieder mal ein wilder Ritt. Die Portcontrol bat sogar über Funk grosse kommerzielle Boot mit ihrer Ausfahrt zu warten bis ich in ruhigerem Wasser wäre. Es ist eine lange Anfahrt bis zum kleine Sporthafen, und das Wasser wurde immer ruhiger. Verschnaufen… endlich. Denkste!!! Hinten war eine Baustelle, 3/4 der Pontons waren abgebaut. mit viel Glück war ein Platz für mich frei, dies am Aussen Ponton zwischen 2 anderen Booten. Eigentlich kein Problem. Aber die Flusstore am hinteren Becken standen offen, und eine gewaltiger Strom setzte ins Hafenbecken. Ich brauchte bestimmt 10 Anläufe bis ich endlich eine Leine übergeben konnte. Ich hatte den 2. Festmacher noch in der Hand, da stand der Zoll vor mir. NEIIINNNN…. bitte nicht auch das noch. Ich will mich nur aufwärmen, was essen und schlafen… aber alles half nichts, gut eine Stunde lang wurde alles geprüft. Irgendwann zog ich einfach mal die Segelkleidung aus, holte mir ein Bier aus dem Kühlschrank und setzte mich hin. Ich sagte den Beamten sie sollen einfach weitermachen…

Boulogne sur Mer

Der 07.07. Heute löste ich erst um 10:00 die Leinen, ich musste einfach ausschlafen, und meine Etappe war auch nicht so lang. 45 Seemeilen bis nach Dunkerque, wo ich um 17:30 einlief. Es war zur Abwechslung mal eine ruhige Fahrt. Segeln kann also doch noch schön sein. Im Hafen von Dunkerque, dann immer das gleiche Spiel. Gibt es überhaupt noch einen Platz wo ich mit ADESSO reinpasse. Auch hier wieder gab es nur einen freien Platz. Längs am langen Steg. Vor mir ein anderer Katamaran, hinter mir ein Segelboot. O.k., kein Problem. Doch ich machte die Rechnung ohne den Wirt. Ich hatte nicht bemerkt, dass eine Strömung quer zum Ponton setzte, und konzentrierte mich nur auf den Wind, der mich nach hinten drückte. Und so passierte das, was nicht passiere sollte. Ich touchierte den hinteren Katamaran mit dem letzten Meter von ADESSO. Ein Fender überlebte die Aktion nicht. Nichts weiter passiert, ADESSO hatte nur eine kleine Schramme an der Seite, welche nach 2x polieren nicht mehr zu sehen war, aber der Skipper hatte unter der Aktion gelitten. Nachher ist man immer klüger. Wenigstens habe ich etwas daraus gelernt! Der niederländische Eigentümer von der Lagoon war aber recht tiefenentspannt, nachdem er keinen Schaden an seinem Boot feststellen konnte. Ich habe Ihm aber trotzdem noch meine Versicherungsnummer mitgegeben.

In Dunkerque blieb ich dann auch wieder 2 Tage. Das Wetter war schon wieder gegen mich…

09.07 Endspurt! Die letzte Etappe vor den Niederlanden. Von Dunkerque nach Breskens 54 Seemeilen lagen vor mir. Nur noch ein paar Stunden bis in die Niederlande… dazwischen Belgien, und getrieben von 35 Knoten Wind. Die Küstenregion von Belgien ist so uninteressant wie ein kaputter Fahrradschlauch. Obwohl mich einige Bekannte in Belgien treffen wollten, liess ich das Land links (eher rechts) liegen. Ich kann nicht so recht verstehen, wieso jemand sein Boot freiwillig dort in einen Hafen parkt. Die einzige Herausforderung bestand darin nicht einzuschlafen und den unzähligen Flachstellen auszuweichen. Mehr gibt es dazu nicht zu erzählen. Breskens, nur um Breskens drehten sich meine Gedanken…, ankommen. Vor dem Hafen versuchte ich mich noch beim Hafenmeister per Funk anzumelden, aber ich habe bis heute nicht die leiseste Ahnung, was Der mir mitteilen wollte 🤔🤯. Es war mir auch egal, ich wusste, dass meine Frau sich darum gekümmert hatte, dass ich einen Platz bekommen würde, und als ich den Bug in der Einfahrt hatte, sah ich den Hafenmeister auf seinem Fahrrad schon winken. Das Anlegen war dann mittlerweile Routine. Ein gutes Gefühl machte sich breit. Hier blieb ich erstmal wieder 2 Tage, denn am 11.07 war es dann die wirklich letzte Etappe bis nach Brunisse, allerdings nicht mehr alleine. Raymonde kam so schnell Sie konnte zu mir aufs Boot 😀. Mit Ihr das gute Wetter. Das erste Mal seit Aber Wrack’h konnte ich im T-Shirt herumlaufen, sonst immer nur mit Regenjacke und Ski-Thermowäsche.

Die letzten Meilen in unseren vorläufigen Heimathafen waren dann nur noch ein Klacks, ein paar Schleusen, voll tanken, und zum erstem Mal mit ADESSO in seine Box. 

Angekommen…!

Das war er, der beschwerliche Weg der ADESSO. Ich kann mich nur wiederholen, bei Weiten kann ich das Geschehene nicht so wiedergeben, wie ich es erlebt habe. Es hat sich aber in meinem Gedächtnis eingebrannt, und irgendwie hatte es dann doch etwas Schönes…

Die nächsten Blogeinträge werden etwas techniklastiger, da ich mehr und tiefer auf die bisherigen Umbauten eingehen werde.

Und Ihr braucht auch nicht wieder so lange zu warten… versprochen!

Bleibt dran,

Guy

6 Kommentare

  1. Respekt Guy a Raymonde, ech géif dat doen nët machen. Hoffentlech hut dir méi op der positiv Säit wéi op der negativen. Ech wönschen iech nach alles Guddes a vill Freed och mol bei gudem Wieder.

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  2. Hi Guy, und da denken doch Manche, Segeln wäre wie in der Karibik abhängen. 🙂
    Ich denke, jeder Segler hat ein Kontingent an Tagen, in denen er den Kauf eines Schiffs verflucht. Schätze, du hast schon reichlich aufgebraucht, Ab jetzt wird’s besser. Haltet durch.
    Liebe Grüße von der Rivercafe aus Martinique
    Holger Binz

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    1. Hallo Holger,
      Ja, das schwere Los eines Boots-Eigner…😏
      Ich habe eigentlich eher verflucht dass ich Richtung Norden gezogen bin. Aber bald geht es wieder zurück.
      Schöne Grüsse in die Karibik. Grüsse Ka von uns.

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