Sind Segler grüner als Autofahrer?

Dieser Blog aus gegebenem Anlass.

Vorwort:

Ich hatte kürzlich ein Gespräch mit einem freilaufenden Möchtegern-Weltverbesserer der alles (aber auch alles) in seinem Umfeld kritisiert. Der nur seine Version der Dinge als die einzig Richtige ansieht und scheinbar keinen Platz mehr auf der Festplatte hat um seinen Datenschatz zu erweitern.

Das Thema war:

Ist es „grün“ ein paar Tonnen Glasfasermatten, welche mit Epoxidharz getränkt sind, aufs Wasser zu stellen?

Seit dem Hype um Greta (die mir übrigens ziemlich auf den S… geht) und deren Reise mit dem Boot nach Amerika, (wegen CO2 Ausstoß und so), habe ich mir auch mal ein paar Gedanken mehr darüber gemacht.

Ich habe absolut keine Ahnung was alles und wieviel in die Luft gepustet wird bei der Herstellung von einem Boot, aber des dürfte nicht unerheblich sein. Beim Besuch der Werft sind uns gleich die Düfte der Chemieindustrie in die Nase und in den Kopf gedrungen. Viele der Mitarbeiter tragen Atemschutzmasken. Ein Traumjob ist es mit Sicherheit nicht, wenn man 8 Stunden am Tag in so einer stinkenden Halle hockt.

In diesem Video von Fountaine Pajot kann man schön sehen wie ein Katamaran laminiert wird:

Dann schmieren wir noch Giftfarbe in den Bereich der unter Wasser liegt um den Algenbewuchs etwas einzudämmen. Wohlwissend, dass diese Farbe selbsterodierend ist, was bedeutet, dass die Farbe sich durch die Reibung während der Fahrt durchs Wasser selbstständig abschleift. Um so immer genügend Wirkstoffe freisetzen zu können, welche den Algenbewuchs in seine Schranken verweisen soll.  Diese aufgelösten Partikel befinden sich dann natürlich im Wasser. Zu allem Überfluss muss man die meisten Farben je nach Gebiet alle 2 Jahre erneuern…

P1030202 Kopie

So sah das bei unserer CALIMERO aus…

Würde man alles was aus Plastik und Glasfaser besteht von einer modernen Segelyacht mit einem Fingerschnipp verschwinden lassen, dann bliebe nicht mehr viel übrig! Rumpf, Lucken, Segel, Fender, Wassertank, Leitungen, Dieseltank… Alles Plastik.  Schaut doch einfach mal um euch, egal ob Zuhause, im Büro, im Auto oder Zug. Alles Plastik.

Ist das grün? Ist das eins mit der Natur? Ist das die Vision von Freiheit verbunden mit dem Wunsch nach unberührter Natur? Nein ist es definitiv nicht.

Fassen wir uns mal an der eigenen Nase. Auch wir, die Segler.  Wir rühmen uns ja extrem indem wir keine Gelegenheit auslassen um unseren Mitmenschen zu erklären, dass wir uns mit der Kraft des Windes zu 100% schadstoffarm fortbewegen können. Dann ist es egal, dass man ein paar hundert Kilometer mit dem Auto fährt um ein schönes Wochenende auf einem Plastikbomber in der (vermeintlich) unberührten Natur verbringen zu wollen.

Sind wir mal ehrlich, ohne Plastik und Verbrennungsmotor ist unsere heutige Welt nicht mehr denkbar. Abfall habe ich nie in die Natur geworfen, aber wenn auch ich ehrlich sein soll, dann war es mir vor 15 Jahren auch noch ziemlich schnuppe ob mein Auto nun 15 oder 6 Liter Kraftstoff auf 100km verbrennt. Das ist vielleicht das einzig Gute, was ich der Greta zuschreiben kann. Sie bringt das Thema Umweltschutz mehr in die Reihen der Jugend. Dennoch bin ich davon überzeugt, dass man so nur die Menschen erreicht, die sowieso affin für eine solche Thematik sind. Bei diesen Menschen kann man ein Feuer entzünden und etwas erreichen. Bei vielen anderen sehe ich da eher schwarz… in einem Holzkopf sollte man lieber kein Feuer legen 🤪.

Ich habe mir vor einiger Zeit einen 3d Drucker zugelegt und ehe das Teil auch nur einen Gramm Plastik verdruckt hatte, bekam ich schon den Vorwurf von meiner geliebten Frau an den Kopf geschmissen, warum ich jetzt auch noch zusätzlich Plastikschrott produzieren müsse.

Ja, ein 3d Drucker druckt Plastik. Aber Achtung: jetzt muss man nachdenken!

Kann ich nicht, indem ich Plastik produziere, auch Plastik vermeiden?

Denn genau dieser Ansatz ist der Grund, warum ich dieses Gerät habe! Wie bereits geschrieben besteht eine moderne Segelyacht überwiegend aus Plastik. Auf den Rumpf bezogen gibt es damit keine Korrosionsprobleme und man spart einiges an Gewicht. Aber unzählige Kleinteile, welche sich an Bord befinden, bestehen ebenfalls und größtenteils aus Plastik, und ganz oft sind diese Kleinteile nicht als Ersatzteil zu bekommen. Was tut man also, wenn ein kleines Plastikteil gebrochen oder verschlissen ist? Das Gerät wird entsorgt, weil unbrauchbar! Hat man aber die Möglichkeit und das Wissen, welches einem erlaubt fast alle Geometrien in einer gewissen Größe selbst herzustellen, dann liegt es auf der Hand sich Ersatzteile selbst zu erstellen, und somit kann man Müll vermeiden. Mit dieser Begründung konnte ich dann auch meine Frau davon überzeugen und der Drucker bekam auch von ihr seine Daseinsberechtigung.

Den sogenannten Umweltschützer möchte ich aber noch einen kleinen Klapps auf den Hinterkopf geben. Ich versuche so gut es geht mich umweltbewusst zu verhalten und unterstütze und motiviere auch jeden der das auch so handhaben möchte. Aber genau wie in der Religion gibt es auch „Extreme“ Umweltschützer, die behauten ihr Fußabdruck auf dem Planeten sei inexistent, da Sie sich mit Kleidung aus 100% Baumwolle wärmen, viel Radfahren, Joggen und nur Tofu futtern.

Also, wo kommt deine Kleidung her und wieviel Wasser wird verbraucht um sie herzustellen und zu färben… und wie bekommst du deine Kleidung wieder sauber? Du fährst viel Fahrrad und gehst oft joggen! Sehr gut. Warum musst du Reifen und Schuhe regelmäßig wechseln? Genau, weil sie (wie Autoreifen) abgefahren/abgelaufen sind. Dieses Plastik löst sich nicht einfach in Luft auf, sondern das ist Mikroplastik, das durch den nächsten Regen ins nächste Bach gespült wird. Ich könnte noch viele weitere Seitenhiebe verteilen, aber ich möchte es hierbei belassen

Sollte sich jemand angesprochen fühlen, dann ist das gut so, denn für dich war es gedacht 😡🤬🤯👊

P1030506

Be green… 

Aber trotzdem habe ich ein gutes Gewissen, sogar ein sehr Gutes. Jeder der bis hierhin mitgelesen hat und das Gelesene auch versteht wird sich jetzt fragen warum ich, trotz den Tonnen an Plastik die ich aufs Wasser setzen werde, so ein gutes Gewissen habe. Die Antwort möchte ich euch natürlich nicht vorenthalten.

Was fällt alles weg an Umweltbelastungen wenn wir auf dem Boot leben? Ich gebe jetzt nur zwei große Beispiele, aber sogar mit nur wenig Phantasie wird es niemandem schwer fallen die Liste zu erweitern.

Mein Weg zur Arbeit und zurück beträgt täglich 100km. Bei 52 Wochen/Jahr à 5 Tage minus 5 Wochen Urlaub sind es 235 Tage an denen ich 23500 km zurücklege, nur um zur Arbeit zu fahren. Wir sind zu zweit arbeitstätig und haben gezwungenermaßen 2 Autos (da der öffentliche Transport für uns keine Alternative darstellt). Zusammen kommen wir auf ungefähr 50.000 km/Jahr. Bei 7 Liter Verbrauch auf 100 km sind das 3500 Liter Kraftstoff. Sprit, Reifen, Schmiermittel… fällt weg.

Das Haus in dem wir leben möchte in der kalten Jahreszeit geheizt werden. Wir haben zwar eine Solarthermie Anlage auf dem Dach und eine Pelletheizung im Keller. Aber verbrannt werden die Holzpellets trotzdem und setzten CO2 frei… fällt weg.

Rechnet man zusätzlich auch all das Kleine zusammen, dann hat das „normale“ Leben von Mister & Miss Jedermann seinen Platz in der Statistik der Umweltsünder verdient. Aber das ist keine Schuldzuweisung, denn es ist schlicht und einfach nicht möglich ein normales Leben als arbeitender Bürger im Einklang mit der Natur zu leben.

kermit-floss

Be green… 🤣

Auch wir werden mit dem Kauf von ADESSO diese Umweltsünder-Statistik gut auffüllen. Aber wenn wir länger das Leben der Seezigeuner leben werden, uns mit der Kraft des Windes fortbewegen, Strom mit Hilfe von Sonne produzieren, ja, dann werden sich die Schadstoffe, welche durch die Produktion von ADESSO freigesetzt wurden, irgendwann mit den eingesparten Schadstoffen auf einer Linie befinden. Und ab dann werden wir sagen können:

Ja es ist „grün“ ein paar Tonnen Glasfasermatten, welche mit Epoxidharz getränkt sind, aufs Wasser zu stellen!

Bleibt dran…

Guy

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6 Antworten zu Sind Segler grüner als Autofahrer?

  1. Lilane schreibt:

    Trotz dem grossen Bericht, flott an interessant geschriewen an obgelockert durch schein Fotoen.🙋‍♀️

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  2. Ulrike schreibt:

    Moin!
    Du schreibst super! Auch wenn ich noch nie daran gedacht habe, mir ein Boot zuzulegen, so leuchtet mir Eure Argumentation sehr ein. Man kann nicht mehr „ohne“ leben. Aber man kann mit den Ressourcen sorgfältig und sparsam umgehen.
    Viel Spaß und Erfolg weiterhin!
    Ulrike

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    • Guy schreibt:

      Hallo Ulrike,
      Es freut mich sehr dass Dir mein Schreibweise gefällt, solche Feedbacks bedeuten mir viel.
      Ich bin zu 100% bei Dir. Die vorhandenen Ressourcen sollten sparsam eingesetzt werden, und die Natur die noch bleibt nicht unnötig belasten. Ich war mal in Indonesien zu Tauchen… Du kannst dir nicht vorstellen was da an Plastikmüll ober und Unterwasser rumliegt… 😟.
      Sei gegrüsst,
      Guy

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  3. John Kaufmann schreibt:

    Du bist zwar etwas zu extrem, im Umgang mit der (mir sympathischen) Umweltautistin Greta: si polarisiert, und das ist gut so. Wenigstens gibt sie vielen jungen Menschen Motivation oder auch nur den Anlass sich zu dieser Problematik zu positionieren. Das klappt sogar ein wenig in unserm reichen Inselstaat ….
    …aber dein Argumente, deine Selbstkritik und deine Sichtweise teile ich sonst zu 101%!
    Nur dass Raymonde ohne schweres Atemschutzgerät an der Calypso malochen musste, das ist ein veritabler Arbeitsskandal :-))))))))
    Macht so weiter ich freue mich jedes mal auf eure Blogs!
    Eure Blogs fand ich noch nie oberflächlich, aber was das D-Date näher rückt, was eure Beträge an Tiefgang gewinnen. Da könnte schon noch ein interessantes Buch werden!
    Bis denne!
    John

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    • Guy schreibt:

      Moien John,
      Oha… Die Blogbeiträge werden Tiefgründiger!? 🤔 Ups, da muss ich dann wohl was dagegen Unternehmen… Der nächste wird leichtere Kost. Versprochen 😄.
      Raymonde „WILL“ diese Arbeiten verrichten, und noch viele weitere. Das kann, will und darf ich doch nicht verbieten…😇.
      Tja, die Greta… ich gebe Dir recht, sie polarisiert. Am Anfang war es o.k. jetzt kommt es mir so vor als sei nur noch ne grosse Marketing Strategie dahinter. Geld, Geld, Geld… 🤷‍♂️
      Danke für deine regelmässigen Feedbacks. Es freut mich immer wieder zu lesen dass interesse an unsere Geschichte besteht.
      Bis geshwenn,
      Guy
      P.S. : uner 1. Boot trug den Namen CALIMERO 🧐

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