Augen zu und durch

So könnte ich die vergangene Woche von Guy auf unserer Adesso zusammenfassen. Während mir hier zu Hause nichts anderes übrig blieb als zu zittern und zu hoffen, dass er immer wieder sein nächstes Ziel unversehrt erreicht, durchlebte er doch einige richtig harte Tage, an denen es vor allem darauf ankam, die Zähne zusammen zu beissen und durchzuhalten. Ich glaube mit Spass hatte das nicht so wirklich etwas zu tun. Guy könnte mit Sicherheit seine Erlebnisse noch viel genauer hier schildern, aber er hat gemeint, dass er im Moment einfach nicht die nötige Energie und Lust verspürt um diesen Blog zu schreiben, lieber würde er das Erlebte einfach verdrängen…

Den letzten Blog verfasste ich, als Guy auf dem Weg zur île de Groix war. Hier übernachtete er an dessen Ostküste in einer Ankerbucht. Früh morgens machte er sich sofort bei Tagesanbruch wieder auf den Weg Richtung Audierne. Seine Tagesetappen umfassten immer so um die 70sm, also geschätzte 12 Stunden. Guy wollte keine Zeit verlieren, denn die Wettervorhersagen meldeten die kommenden Tage eher mehr als weniger Wind und teilweise aus ungünstigeren Richtungen. Die Bedingungen hier in der Biskaye müssen echt ungemütlich sein, denn er verglich die ganze Fahrt mit einem Rodeo. Die Wellen wären ununterbrochen von schräg vorne gekommen und hätten das Boot unaufhörlich hin- und hergeschaukelt. Ich glaube « geschaukelt » ist eher untertrieben, hin-und her geworfen passt wohl besser. Guy hat Glück, denn er wird nur sehr selten seekrank. Aber er meinte, wenn ich dabei gewesen wäre, dann hätte die ganze Packung MERCALM nicht verhindert, dass ich total seekrank in der Koje gelegen hätte. Das will ich mir eigentlich auch nicht wirklich vorstellen… 😦

Um für den nächsten Tag einige Seemeilen einzusparen, entschied Guy sich schlussendlich  nicht in die Anse de Sainte-Evette in der Nähe von Audierne zu segeln, sondern in die Anse du Loc’h. Dass dies keine gute Idee war, das merkte er ziemlich schnell, nachdem er den Anker geworfen hatte. Ob es jetzt in der anderen Bucht eine ruhigere Nacht gewesen wäre, weiss er natürlich nicht, aber hier schlugen die Wellen ununterbrochen in die Bucht hinein, so dass Guy es nicht in der Koje ausgehalten hat. Es gab aber keine Alternative und so hat er die Nacht auf den Salonplostern verbracht, natürlich ohne Schlaf zu finden. Dementsprechend war er total übermüdet und die nächste Etappe nach Aber Vrac’h wurde richtig hart. Ohne Schlaf, viel Wind, hohe Wellen und dazu noch ekeliges kaltes nasses Wetter…nein, das machte keinen Spass !

Nur die Delfine, die ihn morgens bei Sonnenaufgang begleiteten, versüssten ein bischen die Stimmung. Als er in Aber Vrac’h ankam, war er wirklich total geschafft und hatte nicht einmal mehr die Energie um sich noch ein warmes Abendessen vorzubereiten. Nur noch eine Dusche und das letzte Stück Brot mit etwas Käse und dann schnell in die Koje.

Am nächsten Tag, nach endlich einer erholsamen Nacht, sah die Welt wieder besser aus. Er hatte sich dazu entschlossen 2 Tage hier zu verbringen, vor allem um wieder etwas Energie zu sammelen. Nachdem er das Boot mit Frischwasser abgespült und den Wassertank wieder aufgefüllt hatte, machte Guy sich auf Erkundungstour mit dem Dingy auf dem fjordartigem Seitenarm des Aber Vrac’h. Die Landschaft hier hat ihm sehr gut gefallen. Super ruhig, keine Wellen…einfach friedlich. Abends hat er die Sonnenuntergangsstimmung auf unserer Adesso richtig genossen und diese tollen Fotos geschossen.

 

Am nächsten Tag gings wieder sofort bei Sonnenaufgang los, nächstes Ziel der Hafen von Roscoff. Bei der Ausfahrt haben Guy wieder eine ganze Gruppe von Delfinen begleitet. Sie hätten ihn richtig neugierig angeschaut und lange begleitet, berichtete er mir später begeistert.  Das sind so die Momente, die man dann in vollen Zügen geniesst. Oh…dies hätte ich so gerne mit ihm zusammen erlebt.

Die Etappe nach Roscoff war etwas kürzer, so dass Guy, zur Abwechslung, während des Tages ankam. Sofort fuhr er zur Tankstelle um den Dieseltank wieder zu füllen, denn in den letzten Tagen hatte er doch meistens einen Motor mitlaufen lassen um gegen die starke seitliche Strömung anzukommen.

Ursprünglich hatten wir in unserer Törnplanung vorgesehen, nach Roscoff, einen Zwischenstopp auf Guernsey einzulegen, um dann weiter nach Cherbourg zu segeln. Wegen Covid 19 hat Grossbritannien aber seine Grenzen noch immer zu. Ich hatte ein bischen Hoffnung, als ich bei meinen Recherchen herausfannt, dass Guernsey einen unabhängigen Staat besitzt (States of Guernsey). So schrieb ich die Coast Guard of Guernsey an und fragte, ob es erlaubt sei, bei der Durchreise von Roscoff nach Cherbourg eine Nacht in einer Bucht auf Guernsey zu ankern ohne an Land zu gehen, nur um sich auszuruhen und dann am kommenden Tag weiter zu segeln. Die Antwort war freundlich, aber bestimmend : NEIN, die Gewässer sind für alle ausländischen Boote gesperrt.

Das waren schlechte Nachrichten, denn das bedeutete für Guy, dass er eine Nachtfahrt einlegen muss. Schon alleine bei dem Gedanken, lief es mir kalt den Rücken runter. Ich hatte einfach Angst ! Ich versuchte ihn noch davon zu überzeugen an der französischen Küste entlang zu fahren, an St. Malo vorbei und kürzere Etappen einzuplanen. Doch davon wollte Guy nichts wissen, denn einerseits blies der Wind stark und ungünstig in die ganze Bucht hinein und andererseits warnten die Törnführer wegen der enormen Gezeitenströmungen vor diesem Küstenabschnitt.

Um noch ein paar Seemeilen einsparen zu können, entschied Guy sich am kommenden Tag weiter zum Fluss Jaudy zu fahren und in der Gegend vor Plougrescant die Nacht vor Anker zu verbringen, bevor es dann zu der langen Etappe von 100sm nach Cherbourg losgehen soll.

Es war recht viel Wind gemeldet, 25-30kn, aber Guy lies sich nicht davon abbringen am nächsten Tag aufzubrechen. Am Anfang, wäre es noch ganz erträglich gewesen und er wäre gut vorangekommen, berichtete er mir später. Bis auf die Höhe von Guernsey lief es noch recht gut. Aber je näher er sich dem Cap de la Hague näherte, je schlimmer wurde es. Später schilderte er mir, dass die Wellen wirklich von allen Seiten kamen, mehrere Meter hoch, bis über den Steuerstand hinweg (und der ist bei einem Kat ja doch schon recht hoch !!!). Überall wäre Salz an Deck. Er hätte sich gefühlt wie ein kleiner Spielball der willkürlich von links nach rechts geworfen wurde. Natürlich wurden diese Umstände noch beängstigender und unangenehmer, je dunkeler es wurde. Ich will mir ehrlich gesagt nicht wirklich vorstellen wie schlimm das war, aber es muss richtig schlimm gewesen sein ! Denn am nächsten Tag meinte Guy nur, dass er sowas nie wieder erleben will…

Erst als er gegen 2 Uhr morgens endlich hinter der schützenden Mauer des Hafenvorbeckens von Cherbourg angekommen war, beruhigten sich die Wellen und er konnte etwas aufatmen. Doch ganz geschafft war es ja trotzdem noch nicht, denn er musste Adesso ja noch sicher irgendwo im Hafen festmachen, alleine, im Dunkelen, auch alles andere als einfach. Als es endlich geschafft war, hat er sich kurz bei mir gemeldet (da er ja wusste, dass ich nicht schlafen, sondern auf Marinetraffic und Vesselfinder kleben würde) und hat nur gemeint, er wäre so etwas von erleichtert jetzt angekommen zu sein und ich solle jetzt keine Fragen stellen, er würde mir alles später erzählen. Er bräuchte jetzt eine Dusche, ein Bier und müsste dann versuchen irgendwie wieder  «runter» zu kommen.

Ich war auch höllich froh, dass er angekommen war, aber auch ich war innerlich so aufgewühlt, dass ich noch etliche Stunden wach lag.

Aber jetzt lag die Biskaya endlich hinter Guy und er war fest der Überzeugung, dass die nächsten Etappen angenehmer werden würden. Wir schmiedeten schon langsam Pläne, wann er vielleicht in den Niederlanden ankäme. Zwei Tage hatte Guy hier in Cherbourg eingeplant, denn die erste Inspektion stand an. Diese ist von Volvo vorgeschrieben für den Erhalt der Garantie und muss nach den ersten 50 Motorstunden erfolgen. Alles war im Vorfeld abgesprochen, 2-3 Stunden würde es dauernd, so dass Guy am nächsten Tag wieder weitersegeln könnte. So war es geplant, doch wie so oft in letzter Zeit, konnten die Pläne wieder nicht eingehalten werden 😦

Bei der Kontrolle des Steuerbordmotors wurde Wasser im Öl der Saildrive gefunden und das gehört ja da definitiv nicht hin. Diese schlechte Nachricht traf Guy mit voller Wucht. Sein Nervenkostüm war durch die letzten Tage ja schon recht gebeutelt und eigentlich hatte er gehofft, dass die nächsten Tage weniger stressig werden. Aber nein…jetzt musste Adesso auch noch aus dem Wasser. Dieser Schaden musste behoben werden, aber was war die Ursache ? Hatte Guy irgendwo ein Fischernetz oder eine Anglerlschnur erwischt die sich um die Dichtung gewickelt und sie so beschädigt hat oder handelt es sich um ein Produktionsfehler ?

Jetzt ging der Stress erst richtig los : Krantermin festlegen, Adesso an Land setzen, Arbeiten organisieren usw. Guy hatte echt keine Lust mehr und er tat mir so leid, denn ich konnte ihm bei all diesen Problemen nicht helfen. Ich hatte keine Zweifel daran, dass er alles vor Ort geregelt bekommt, aber musste das jetzt wirklich sein ???

Es sollte sich schnell herausstellen, dass die Ursache ohne Zweifel ein Produktionsfehler war. Eine Dichtung war nicht richtig verbaut worden :-(. Das einzig Positive daran : der ganze Schaden wurde schlussendlich von VOLVO übernommen, Krankosten mit eingeschlossen. Aber die verlorene Zeit (5 zusätzliche Tage sass Guy deswegen in Cherbourg fest) und der ganze Ärger und Frust, darauf hätten wir gerne verzichtet! Jetzt bleibt nur zu hoffen, dass nun alles dicht ist. Das werden die nächsten Tage zeigen…

Heute morgen ist Guy wieder sehr früh in Cherbourg weggefahren, sein heutiges Ziel : Fécamp (80sm). Im Moment macht er richtig Fahrt, 10,3kn, habe ich soeben bei Marinetraffic gesehen. Aber die Strömung wird in ein paar Stunden wieder gegenan sein. Ich hoffe, dass er heute noch Fécamp bei Tageslicht erreicht. Hier hat er jetzt für 2 Nächte einen Liegeplatz reserviert, weil morgen soll der Wind deutlich mehr als 30kn erreichen. Am Montag will er dann weiter nach Boulogne sur Mer.

Hoffentlich ist unsere Pechsträhne jetzt endlich vorbei und es läuft in nächster Zeit nicht wieder dauernd etwas schief.

Raymonde

 

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