Es war nur ein kurzer Zwischenstopp hier auf Adesso. Die zwei Tage Schlechtwetter abwarten und dann gings wieder los. Der 2.Teil unserer Sizilienerkundungstour führte uns in die südöstliche Ecke Siziliens. Auf unserem Programm stand Noto, Ragusa und, wenn das Wetter mitspielt, die Anapo-Schlucht. Gerne wären wir auch noch bis zum Etna hochgefahren, aber da herrschen inzwischen eisige Temperaturen und der Gipfel ist schon mit Schnee bedeckt. Ausserdem soll das Wetter nur 3 Tage trocken und sonnig bleiben und dann kündigt sich schon wieder die nächste Kalt-und Regenfront an. Darum hiess es jetzt von den angenehmen sonnigen Tagen profitieren.
Unser erstes Ziel, die Stadt Noto, erreichten wir nach anstrengenden 2 1/2 Stunden Fahrt. Die Strassen hier auf Sizilien führen oft quer durch die Dörfer. Von einer fliessenden Fahrt kann kaum die Rede sein. Dauernd muss man abbremsen, entweder, weil wieder in 2. und 3. Reihe geparkt wird und dann nur eine Fahrspur übrig bleibt oder, weil man die unzähligen Schlaglöcher umfahren muss oder, weil jegliche Vorfahrtsregeln missachtet werden…
In Noto angekommen, steuerten wir einen Parkplatz an, den ich schon im Vorfeld ausfindig gemacht hatte, der gut erreichbar war und nur 10 Minuten entfernt von den Sehenswürdigkeiten der Altstadt lag. Noto ist die Hauptstadt des sizilianischen Barocks. Sie liegt 35 Kilometer südwestlich von Syrakus am Fusse der Monti Iblei. Noto wirkt wie eine sorgfältig komponierte Filmkulisse mit imposanten Kirchen, Klöstern und Palazzi. Dass Noto heute so bezaubernd daher kommt, hat seinen Ursprung in einer Katastrophe. Die Stadt wurde 1693 bei einem Erdbeben komplett zerstört und danach, acht Kilometer weiter unten im Tal, wieder aufgebaut. In den darauf folgenden Jahrzehnten wurden die besten Architekten der Zeit engagiert. Sie bauten Noto im Stile des sizilianischen Barocks innerhalb weniger Jahrzehnte wieder auf und folgten dabei einem strengen Rastersystem. Das unbestrittene Wahrzeichen von Noto ist die Kathedrale San Nicolò.

Gegenüber von der Kathedrale steht der neoklassizistische Palazzo Ducezio, heute Sitz der Stadtverwaltung.


Aber es gibt noch viele weitere sehr schöne Gebäude hier zu bewundern.





Fast alle Sehenswürdigkeiten befinden sich in einer Strasse, der Strasse Corso Vittorio Emanuele. Ausserhalb dieser Strasse, konnten wir nichts Besonderes entdecken. Am Ende/Anfang des Corso V. Emanuela, je nachdem aus welcher Richtung man Noto erkundet, befindet sich die Porta Reale o Ferdinandea.

In unmittelbarer Nähe befanden sich mehrere Streetfoodstände, wo wir uns dann auch eine kleine Stärkung genehmigten, bevor wir uns wieder auf den Rückweg machten. Nach einer Stunde Fahrt erreichten wir dann Ragusa Ibla. Hier hatte ich uns für zwei Nächte ein tolles B&B gebucht. Schon der erste Ausblick auf die Altstadt, machte Lust auf mehr.

In unseren Unterkunft angekommen, stellten wir das Gepäck ab und machten uns schnell ein bischen frisch, bevor wir uns auf Entdeckungstour durch die vielen verwinkelten Gassen von Ragusa Ibla machten. Der Stadtkern besteht aus zwei Teilen, die durch eine Schlucht getrennt sind. Im Osten liegt die Unterstadt Ragusa Ibla mit prächtigen Bauten im Stil des sizilianischen Barocks aus dem 18. Jahrhundert. Hier befinden sich mehrere sehenswerte barocke Kirchen und Paläste.
Auf einer Anhöhe im Westen liegt die ebenfalls im 18. Jahrhundert, aber eher nüchtern und geometrisch angelegte, Oberstadt Ragusa Superiore. Hier lebt der größere Teil der Stadtbewohner. Ich war von Anfang an begeistert von dieser besonderen Athmosphere hier. Am Anfang war es gar nicht so einfach sich in diesem Wirrwarr von schmalen Gassen zu orientieren. Gut, dass wir den Turm des Doms schon von Weitem sahen.

Der Duomo di Giorgio trohnt richtig über dem grossen gleichnamigen Platz.


Auf unserem Weg Richtung Giardino Ibleo sind wir noch an zahlreichen schönen Ecken und Gebäuden vorbeigekommen. Vor allem diese Balkonverzierungen haben mir echt gut gefallen.


Als es so langsam zu dämmern anfing und es fühlbar kühler wurde, spazierten wir zurück in unsere Unterkunft. Wir ruhten uns ein bischen aus und liessen die vielen Eindrücke noch einmal Revue passieren. Dann machten wir uns wieder auf den Weg Richtung Dom, auf der Suche nach einem Restaurant. Wie schon in Cefalù, waren auch hier viele Restaurants und Bars inzwischen geschlossen, aber wir wurden schnell fündig. Schon mittags, beim Vorbeilaufen, war uns ein kleines unscheinbares Restaurant positiv aufgefallen. Wir ergatterten noch einen Tisch und liessen es uns gut schmecken. Danach schlenderten wir noch eine ganze Weile durch die Altstadt und genossen diese schöne Stimmung. Alles war schon festlich beleuchtet, so dass die schönen Gebäude noch prachtvoller erschienen.



Wir hatten Glück, denn dies war der erste Abend dieses Jahres an dem die weihnachtliche Beleuchtung funktionierte. Ich haben ja eigentlich nichts mit Weihnachten am Hut, aber die festliche Beleuchtung, wenn sie dann nicht zu kitschig ist, gefällt mir schon. Diese Ecke mit dem „sehr echten“ Weihnachtsbaum, war in punkto Kitsch, ein bischen grenzwertig 😉

Am nächsten Morgen stand zuerst ein sehr ausgiebiges Frühstück auf dem Programm. Alles war mit viel Liebe und Sorgfalt präsentiert und es gab viele leckere Sachen zu probieren. Aber sündigen war erlaubt, denn wir hatten für heute eine längere Wanderung in der Anapo-Schlucht geplant. Das Valle dell’Anapo ist eine tiefe Schlucht im Naturschutzgebiet Pantalica, Valle dell’Anapo e Torrente Cava Grande. Sie ist bekannt für ihre üppige Natur, eine antike Nekropole, auch die „Totenstadt Pantalica“ genannt, die in die Felsen gegraben wurde, und einen alten, stillgelegten Eisenbahntunnel. Die Anfahrt war wieder echt anspruchsvoll. Immer wieder mussten wir wegen Strassensperrungen den direkten Weg verlassen und bis unser Navy eine neue Strecke errechnet hatte, dauerte es in dieser abgeschiedenen Gegend etwas länger. In Sortino angekommen, hatten wir unser Ziel schon fast erreicht. Nur noch 5 km zeigte uns das Navy an. Aber er lotste uns durch immer schmalere Gassen bis wir schlussendlich in einer Sackgasse angekommen waren, wo kein Platz mehr für eine Kehrtwende blieb. Hier stellte Guy dann wieder sein ganzes Fahrkönnen unter Beweis indem er ganz souverän den letzten Teil der Gasse rückwärts zurückfuhr, an parkenden Autos vorbei, bis er an der ersten Abzweigung genug Platz zum Wenden hatte. Riesen Respekt! Denn da hat definitiv nicht mehr als ein Finger dazwischen gepasst… wenn überhaupt. Auf jeden Fall hatten wir jetzt die Nase voll und folgten dem Navy nicht mehr blind, sondern entschieden uns für die breitere Umgehungstrasse. Nach 10 km waren wir dann endlich am Südosteingang von der Anapo-Schlucht angekommen. Hier befindet sich ein kleines Häuschen mit „Parkrangern“, wo man sich in ein Buch eintragen und danach wieder austragen muss, als Kontrolle ob sich niemand in der Schlucht und den vielen Wanderwegen in den Hängen verirrt und jeder die Schlucht wieder bei Dämmerung verlassen hat. Uns hat es sehr verwundert, dass hier kein Eintrittsgeld verlangt wird, denn bis jetzt haben wir hier in Italien die Erfahrung gemacht, dass man für gefühlt alles bezahlen muss. Aber hier ist das nicht der Fall und der Eintritt war gratis.
Der erste Teil führt über die alte Eisenbahnstrecke und schon nach den ersten Metern war ich von der Natur hier begeistert.


Relativ am Anfang, erblickten wir ein helles, fast weisses Wildschein, das neben dem Fluss auf Nahrungssuche war. Aber leider war ich nicht schnell genug, um es im Bild festzuhalten, bevor es in den dichten Hecken verschwand. Hier ein Foto, das ich im Internet auf der Seite cacciapassione.com gefunden habe.

Nach ungefähr 20 Minuten kamen wir an die erste Abzweigung. Hier folgten wir dem Weg zu den nördlichen Nekropolen. Es war ein langer schweisstreibender Aufstieg, aber je höher wir kamen, je spektakulärer wurde es.


Ich war wirklich begeistert. Oben angekommen erblickten wir auch die ersten „Löcher“.


Das Gebiet um die Nekropole war in griechischer Zeit niemals ganz bewohnt, erst in den ersten Jahrhunderten des Mittelalters fand die von den Invasionen durch die Berber, die Piraten und schließlich die Araber geplagte Bevölkerung in der Nekropole einen sicheren Zufluchtsort, der so gut wie uneinnehmbar war. Auch in der byzantinischen Zeit waren die Höhlen noch bewohnt; die Überreste dieser Felswohnungen und kleinen Gebetsstätten sind noch heute sichtbar (Crocifisso, San Nicolicchio und San Micidiario). (https://www.pantalica.org/von-pantalica)
Unser 10km Rundweg führte zuerst auf die östliche Hochebene und dann wieder runter durch die Calcinara Schlucht.


Dann gings wieder hoch auf die westliche Hochebene auf dessen höchstem Punkt sich auch das Anaktoron befand.


Der Anaktoron-Palast ist ein megalithisches Gebäude aus großen Blöcken mit mehreren rechteckigen Räumen. Von hier aus führte der Weg wieder hinab, an den Höhlen und Grabstätten des Villagio di San Nicolicchio, der südlichen Necropoli und der Chiesa di San Nicolicchio vorbei.


Wieder unten im Tal angekommen, folgten wir der Eisenbahnlinie zurück bis zum Eisenbahntunnel. Hier hat man dann die Wahl, ob man den 200m langen stockdunkelen Tunnel durchqueren will oder ob man auf dem Wanderweg bleibt, der in einem Bogen dem Fluss folgt. Wir haben uns für den Wanderweg entschieden und wurden mit weiteren wunderschönen Ausblicken in dieser herrlichen Natur belohnt.


Als wir wieder am Infohäuschen angekommen waren, meldeten wir uns ordnungsgemäss ab und machten uns anschliessend auf den Weg zurück Richtung Ragusa. Aber auch der Rückweg war alles andere als entspannend. Die ersten 10 Km führten über so einen schmalen Weg, dass wir uns ernsthaft fragten, ob dies wirklich eine „richtige“ Strasse sei und es überhaupt erlaubt sei hier zu fahren. Ich habe keine Ahnung was wir gemacht hätten, wenn uns hier ein Auto entgegen gekommen wäre. Wir waren mehr als erleichtert, als wir nach einer gefühlten Ewigkeit, endlich auf eine etwas breitere Strasse kamen. Diese war zwar immer noch voller Schlaglöcher, aber wir fühlten uns wieder ein bischen mehr in der Zivilisation angekommen. Nach zwei weiteren Strassensperrungen, die uns wieder zwangen einen Umweg zu fahren, war Ragusa dann aber endlich in Sicht.
In unserem B&B angekommen, ruhten wir uns ein bischen aus und genossen eine ausgiebige Dusche. Ich war noch immer so begeistert von den vielen schönen Eindrücken, dass ich nicht aufhören konnte, davon zu schwärmen. Den Abend liessen wir wieder in dem gleichen kleinen Restaurant ausklingen. Da ich unbedingt noch ein paar Fotos von Ragusa Ibla bei Nacht schiessen wollte, wanderte ich noch bis zur Chiesa di Santa Lucia hinauf, von wo ich eine grandiose Aussicht hatte.


Auf dem Rückweg kam ich an dem Palazzo della Cancellaria und der Chiesa di Santa Maria dell’Itria vorbei, die auch sehr schön beleuchtet waren.


Dies war so ein richtig schöner Tag, voller toller Eindrücke 🙂
Am nächsten Morgen wachte ich vor Guy auf und entschloss mich zu einer kleinen Morgentour. Ich spazierte zu dem kleinen Bach und erkundete den südlichen Ortsteil von Ragusa Ibla.


Ausser der Müllabfuhr, war die Altstadt noch fast menschenleer. Als ich wieder zurückkam, war Guy noch am Dösen. Er ist kein Morgenmensch und liebt es länger „unter der Decke“ zu verweilen. Nach dem leckeren Frühstück, spazierten wir zur Kirche Sant Lucia hoch, denn ich wollte Guy unbedingt diese tolle Aussicht auf Ragusa zeigen. Natürlich wollte ich auch ein Foto bei Tage schiessen von diesem spektakulären Ausblick.

Auf unserem Rückweg kamen wir auch noch einmal beim Palazzo delle Cancellaria und der Kirche Chiesa Itria mit ihrem schönen blauen Turm vorbei.


Dann hiess es aber so langsam Abschied nehmen von Ragusa. Wir haben hier wirklich zwei sehr schöne Tage verbracht. Auf dem Rückweg entschlossen wir uns spontan einen kleinen Umweg einzulegen um uns die Marina di Ragusa einmal anzuschauen. Denn dieser Hafen war auch in unserer engeren Auswahl der möglichen Winterhäfen hier auf Sizilien. Aber hier gab es ausser Ferienhäusersiedlungen und überteuerten Hafenrestaurants/-bars nicht viel zu sehen. Nach einer knappen halben Stunde, hatten wir schon genug und machten uns auf den Rückweg Richtung Licata. Am folgenden Tag profitierten wir noch von unserem Mietwagen um Einkaufen zu fahren, bevor Guy den Wagen am nächsten Morgen wieder nach Catania brachte.
Inzwischen sind wir wieder in unserem Winterhafen-Alltag angekommen. Guy arbeitet fleissig weiter unsere To-Do Liste ab (und bekommt immer wieder neue Ideen, was er noch optimieren könnte). Ich habe in den letzten Tagen mehrere ausgedehnte Erkundungstouren an der Küste entlang gemacht und dabei auch schöne verlassene Buchten gefunden.


Inzwischen habe ich ein paar schöne Ecken gefunden hier in Licata… die werde ich dann bald unserem Besuch aus Luxemburg zeigen…
Aber dazu dann mehr im nächsten Blog.
Raymonde